Lebensräume

Nehmt und esst – das ist mein Leib.

Ein Freund bat mich um Hilfe. Er wollte seine Diplomarbeit über nekrophage Käfer schreiben und dafür Schweine an unterschiedlichen Stellen am Stadtrand verrotten lassen. Um diesem Versuch auch forensischen Nutzen zu geben, sollten die Tiere bekleidet sein, und mußte das Experiment zu verschiedenen Jahreszeiten wiederholt werden.
Aufgrund meiner landwirtschaftlichen und medizinischen Ausbildungen hatte ich einige hilfreiche Fähigkeiten, Erfahrungen und Kontakte und wenig Berührungsängste mit Tieren und Leichen und konnte ihn deshalb bei der Vorbereitung und Durchführung tatkräftig unterstützen.
Bei den regelmäßigen Kontrollbesuchen an den verrottenden Leichen interessierte mich persönlich vor allem das trotz oberflächlicher medialer Ausschlachtung noch immer sehr tabuisierte Thema Tod & Auflösung. Doch es zeigte sich, daß Verwesung eigentlich viel weniger Tod als Leben für ganz viele bringt. Die Überreste eines Leibes bilden den Ursprung & Nährboden, die Brutstätte & Krabbelstube für viele neue Lebensformen. Es wurrlt vor neuen Werdegängen & Biografien. In der Sprache des derzeit so modernen Glaubens an Wiedergeburt nährt eine Existenzen ihre wieder geborenen Verwandten, gibt ihnen erst Raum & Möglichkeit zu existieren.
Neben der Erforschung dieses Lebensraumes interessierte mich jedoch – wie bei den „Drei Kindern“ und den meisten meiner Photoprojekte – auch die (potentielle) Persönlichkeit des hier Abgelichteten im Sinne von Portraitaufnahmen.

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